Statt Negativzins Kontoführungsentgelt bei der Volksbank?

Gespräch mit Vorstand in Lingen

Von Thomas Pertz


Ausgabe: Lingener Tagespost
Veröffentlicht am: 12.12.2019

Vorstandsmitglieder Carsten Schmees und Jürgen Hölscher. Foto: Foto Klimmer

Lingen. Die Volksbank Lingen ändert ihre Öffnungszeiten an Freitagen zugunsten von Fort- und Weiterbildung ab 1. Januar 2020 und kündigt die zeitlich noch nicht fixierte Einführung eines "Kontoführungsentgeltes" auf Tagesgeldkonten an. Die Hintergründe erläuterten die beiden Vorstände Jürgen Hölscher und Carsten Schmees beim Pressegespräch über das Geschäftsjahr 2019.

Von der Einführung eines "Negativzinses" wollte Jürgen Hölscher nicht reden. Der Vorstand sprach stattdessen von einem "Kontoführungsentgelt" auf Tagesgeldkonten. Im Moment sei dies nicht geplant, "aber wir arbeiten an einem Konzept", sagte Hölscher. Hintergrund ist die anhaltende Niedrigzinsphase, die nach Angaben von Schmees das Geschäftsmodell der Banken in Deutschland zunehmend gefährdet. 

Derzeit müssen die Banken bei der Europäischen Zentralbank (EZB) Strafzinsen von 0,5 Prozent zahlen, wenn sie dort Geld parken. Die Volksbank in Fürstenfeldbruck hatte deshalb kürzlich als erste Bank in Deutschland von Kunden von neu eröffneten Tagesgeldkonten einen Strafzins von 0,5 Prozent verlangt. Und dies ab dem ersten Euro. Bislang waren nur vermögende Kunden von diesem Strafzins betroffen.

"Geschäftsmodell anpassen"

"Wir hatten die Hoffnung auf einen Wechsel in der Niedrigzinspolitik dre EZB", spielte Schmees auf das Ausscheiden von EZB-Präsident Mario Draghi und die neue Chefin Christine Lagarde an. Diese Hoffnungen hätten sich allerdings nicht erfüllt. "Wir müssen von dauerhaft niedrigen Zinsen ausgehen und unser Geschäftsmodell anpassen", so der Vorstand.

Im Gespräch machten die beiden Vorstände deutlich, dass der Niedrigzins nicht nur negative Folgen für die Bank selbst habe, sondern eben auch für die Kunden. "Diese verlieren Geld, das ist aber nicht unser Anspruch als Bank", machte Hölscher deutlich. Die Volksbank wolle deshalb ihre Kunden weiter durch eine qualitativ anspruchsvolle Beratung über alternative Finanzprodukte informieren.

Hier schließt sich der Kreis zu den ab 1. Januar geltenden neuen Öffnungszeiten der Volksbank in allen ihren 15 Filialen. Um mehr Zeit für Fort- und Weiterbildung zu haben, schließen sie künftig jeden Freitag bereits um 12 und nicht mehr um 15 Uhr. Die Beratungszeiten bleiben davon unberührt und finden weiterhin zwischen 8 und 20 Uhr statt. Die eingesparte Öffnungszeit soll in intensive Fort- und Weiterbildung investiert werden. "Wir wollen unsere hohe Beratungsqualität auch in der Fläche aufrechterhalten", begründete Hölscher diese Entscheidung. Sie ist den Worten der beiden Vorstände zufolge deshalb auch ein klares Bekenntnis zum Festhalten an den 15 Filialen.

"Vierprozentige Dividende"

Zum Geschäftsjahr 2019: Auch wenn die endgültigen Zahlen erst auf der Vertreterversammlung am 9. Juni 2020 präsentiert werden können, sprachen Hölscher und Schmees von einem zufriedenstellenden Ergebnis. Die Bilanzsumme beläuft sich auf 1,1 Milliarden Euro, ein Plus  von 4,9 Prozent. Das betreute Kundenwertvolumen, also die Summe aller Anlagen, Finanzierungen, Wertpapiere und Vorsorge-Investitionen, wuchs um 4,1 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro. In allen Segmenten wie Gewerbe, Landwirtschaft, Wohnungsbau und Firmenkunden sind den Worten der beiden Vorstände zufolge gute Geschäfte gemacht worden. Allein das Volumen bei privaten Wohnungsbaufinanzierungen habe 2019 rund 45 Millionen Euro umfasst. Die Volksbank gehe deshalb auch davon aus, dass wie im Vorjahr eine vierprozentige Dividende auf Geschäftsguthaben an die Mitglieder weitergegeben werden könne.

Hölscher äußerte sich, was die weitere geschäftliche Entwicklung anbelangt, gleichwohl "für die Zukunft pessimistischer". Sein Kollege Schmees begründete dies unter anderem mit einer konjunkturellen Abkühlung. Insgesamt gebe es Unsicherheiten, die kein Klima für Investitionen seien.

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